Reden

Ansprache anlässlich der Verleihung des Titels „Doctor honoris causa“ durch die KUL (Universität Löwen) und die UGent (Universität Gent) an Bundeskanzlerin Angela Merkel

Liebe Freunde,
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
 


Liebe Angela,

„Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen“, sagten Sie in Ihrer ersten Regierungserklärung als Bundeskanzlerin vor dem Deutschen Bundestag.

Dieser Ausspruch ist inzwischen 12 Jahre alt, aber gleichzeitig aktueller denn je. 

 
Hier in Brüssel legten Paul-Henri Spaak, Konrad Adenauer, Jacques Delors und viele andere die Fundamente für eine Gemeinschaft von Frieden und Wohlstand.

Dieser Frieden und dieser Wohlstand scheinen heute immer noch selbstverständlich.
Wenn wir Freiheit aber nicht … wagen, gehen auch Frieden und Wohlstand verloren.
Wird der Freiheitsgedanke noch ausreichend von unseren Bürgern unterstützt und akzeptiert?

Oder sperren wir uns ein und pochen auf unser Recht?
Ist unsere Solidarität noch groß genug, um den Schwächeren zu helfen?

Dies sind schwierige Fragen und es gibt keine einfachen Antworten.
Unsere Bürger erwarten einen Halt.
 

Populismus und Protektionismus bedrohen unsere Freiheit.
Der Mangel an Solidarität und das Abbröckeln von Allianzen sind die Herausforderungen von heute.

Und genau deshalb sind wir heute beisammen.
Weil Sie weiterhin Solidarität und Verantwortung in Europa verteidigen.
Und auch weil Sie von gemeinsamen Allianzen überzeugt bleiben.

Sie haben immer für ein Bündnis von Rechten und Pflichten plädiert.

Dies hat auch mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun.


Als junge Frau haben Sie den Bau der Berliner Mauer 1961 miterlebt.
Dies muss zu einem enormen Gefühl der Machtlosigkeit geführt haben. 

Nach zwei grausamen Kriegen wurden Ihre Freiheit und die vieler anderer wieder eingeschränkt.

Aber auch in totalitären Regimes wagen sich die Menschen immer wieder an Freiheit.
West- und Ostdeutschland wurden vereint.

Und Diktate halten niemals lange stand.

Es war Ihre Mission, unterdrückende Regimes mit Werten und Prinzipien zu bekämpfen.
Und Freiheit zu wagen.

Unter schwierigen Bedingungen.
Und mit einer starken Überzeugung.

 

Meine Damen und Herren,

seit zwei Jahren vertrete ich Belgien im Europarat. In dieser Zeit konnte ich Sie kennenlernen.

Ich möchte Ihnen meinen Respekt und meine persönliche Wertschätzung für die Kraft und Ehrlichkeit Ihrer europäischen Überzeugungen aussprechen, sowie für die hohe Bedeutung, die Sie dem Gemeinwohl beimessen.
 

Im vorigen Jahr wurden unsere Meinungsfreiheit, die Freiheit des Denkens und die Gewissensfreiheit zutiefst erschüttert.


In Brüssel, wie in Deutschland, sind Menschen gestorben, weil sie in einer freien Gesellschaft leben wollten.


Hier, wie in Deutschland, haben unsere Bürger jedes Mal mit Würde und Sinn für Einheit reagiert.


Dies ist es, was die Herzen wieder erwärmt.
 
Denn die einzige Schlussfolgerung ist, dass wir nur gemeinsam unsere Freiheiten weiterhin verteidigen können. Nachdrücklich und resolut.
 

Mehr denn je müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, unsere Freiheiten zu verteidigen.


Denn nur in einem freien Europa kann es Frieden und Wohlstand geben.

Ich danke Ihnen.