Rede anlässlich der Einweihung der Österreichischen Botschaft
*** Rede gehalten am 19. Juni 2026. Nur das gesprochene Wort gilt.***
Herr Bundeskanzler Stocker,
Botschafter Meindl,
Ständiger Vertreter Schusterschitz,
meine Damen und Herren,
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Lieber Christian,
wann immer wir uns sehen, behellige ich Sie unweigerlich mit meinen Erinnerungen an Österreich.
Meine allererste Auslandsreise führte mich nach Tirol.
Seither hat meine Familie unzählige Urlaube in Österreich verbracht.
Der nächste Urlaub ist bereits gebucht.
Und wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund.
Sie tragen diese Begeisterung mit stoischer Gelassenheit.
Das ist eine ausgezeichnete österreichische Eigenschaft.
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Ich kann also aufrichtig sagen, dass ich eine gewisse Zuneigung zu Österreich hege.
Und Freunde dürfen ehrlich zueinander sein.
Deshalb möchte ich heute ebenfalls ehrlich sein.
Bei solchen Anlässen gehört es sich, über die lange und hervorragende Beziehung zwischen zwei Ländern zu sprechen.
Doch um ehrlich zu sein: Zwischen den Südlichen Niederlanden und Österreich hat es eigentlich nie wirklich geklappt.
Das begann bereits mit Kaiser Maximilian dem Ersten, der hier versuchte, Ordnung zu schaffen.
Das nahm kein gutes Ende.
Zum Dank erhoben sich seine Untertanen gegen ihn.
Sie wollten ihn durch den König von Frankreich ersetzen.
Meine eigene Stadt Antwerpen aber blieb Maximilian immer treu.
Sein Enkel Karl – in Gent geboren, ein Kind dieses Landes – unternahm einen neuen Versuch.
Auch ihm dankte man mit einem Aufstand.
Als die österreichischen Habsburger uns schließlich los waren, atmeten sie erleichtert auf.
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Eine Laune der Geschichte sorgte allerdings dafür, dass die Südlichen Niederlanden zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts erneut Wien zufielen.
Dort hatte man uns offenbar nicht vergessen und unternahm in den folgenden Jahrzehnten verzweifelte Anstrengungen, uns wieder loszuwerden.
Man bot uns an sämtlichen europäischen Höfen feil – im Tausch gegen Bayern, gegen Schlesien oder gegen andere begehrenswerte Besitztümer.
Doch auch der Rest Europas wollte uns nicht haben.
Also blieb man auf uns sitzen.
*
Den Mut verloren die Österreicher dennoch nicht.
Graf Ferraris veröffentlichte siebzehnhundertsiebenundsiebzig den ersten vollständigen Atlas der Südlichen Niederlande – so präzise, dass Napoleon und Wellington ihn vierzig Jahre später noch verwendeten und wir ihn bis heute wegen unserer katastrophalen Raumordnung für raumplanerische Untersuchungen heranziehen müssen.
Anschließend schickte man Joseph den Zweiten.
Einen engagierten, nüchternen und aufgeklärten Herrscher – ein Mann mit echtem Reformwillen und einer tiefen Abneigung gegen nutzlose Traditionen.
Genau die Art von Herrscher also, die hier zwangsläufig katastrophal scheitern würde.
Das Ergebnis ist bekannt:
Aufstand.
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Meine Damen und Herren,
die Bewohner der Südlichen Niederlande waren, wie sich zeigt, von österreichischer Solidität offenbar nicht restlos begeistert.
Wir waren de facto unregierbar.
Das scheint hier seit Jahrhunderten Teil der politischen Kultur zu sein.
Ich bin fast versucht zu sagen, dass Politiker, die daran etwas ändern wollen, unser Mitgefühl verdienen.
Auf dem Wiener Kongress zeigten sich die Österreicher entsprechend bereit, uns im Gegenzug für territoriale Zugewinne in Norditalien abzutreten.
An denen sie übrigens ebenfalls außerordentlich viel Freude hatten.
Der berühmte Diplomat Metternich – der in jungen Jahren in Brüssel gelebt hatte und daher wusste, wovon er sprach – gab dem neuen Herrscher Wilhelm der Erste den weisen Rat mit auf den Weg:
„Prenez garde de ne pas joséphiser.“
Frei übersetzt:
Versuchen Sie bloß nicht, zu gut zu regieren – sonst werden sie noch schwieriger.
Wilhelm ignorierte diesen Rat vollständig.
Mit bekanntem Ausgang:
Aufstand,
die Belgische Revolution von achtzehnhundertdreißig und die zweite Trennung der Niederlande, die ich persönlich bis heute bedauere.
Seitdem dürfen wir die Dinge selbst vermasseln.
Und das tun wir mit Auszeichnung.
Was die Komplexität seiner Staatsstruktur betrifft, schneidet Belgien mit summa cum laude ab.
Wenn ich also die historische Bilanz der belgisch-österreichischen Beziehungen ziehe, fällt sie nicht uneingeschränkt positiv aus.
Aber Beharrlichkeit wird bekanntlich belohnt, wird man sich in Wien gedacht haben.
Und deshalb erhalten wir heute eine schöne neue österreichische Botschaft.
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Meine Damen und Herren,
trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieser schwierigen gemeinsamen Geschichte sind die Beziehungen zwischen Belgien und Österreich heute außergewöhnlich stark.
Wir sind verlässliche Partner in Europa und in der Welt.
Wir finden zueinander bei den Themen Wettbewerbsfähigkeit, Migration, digitale Transformation und strategische Resilienz.
Wir gehören zu den Friends of Competitiveness und glauben an die Kraft von Industrie und wirtschaftlichem Wachstum.
Wir sind zwei mittelgroße Staaten, die sehr genau wissen, dass Macht und Einfluss auf Wohlstand, Handel und Zusammenarbeit gründen.
Und wir vertrauen einander.
Dieses Vertrauen hat eine lange und nicht immer einfache Geschichte überstanden.
Gerade deshalb ist es heute umso stärker.
Botschaften sind Investitionen in eine Zukunft, die niemand vollständig kennt.
Jede neue Botschaft ist ein Akt des Vertrauens.
Ich möchte Botschafter Meindl, Ständigen Vertreter Schusterschitz, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Botschaft sowie allen, die an diesem Gebäude mitgewirkt haben, herzlich gratulieren und danken.
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Zum Schluss möchte ich noch eine kleine Bitte äußern.
Joseph der Zweite nahm als Trostpreis den einzigen Caravaggio in den damaligen Österreichischen Niederlanden mit nach Wien: die Rosenkranzmadonna, die Rubens der Sankt-Paulus-Kirche in Antwerpen gestiftet hatte.
Er ließ eine Kopie zurück.
Ein schwacher Trost.
Nun bin ich gut darüber informiert, dass sich in Wien noch zwei weitere Caravaggios befinden.
Auf den einen könnte man also durchaus verzichten.
Ich fordere ihn keineswegs zurück – das wäre diplomatisch unangebracht.
Sollte er jedoch einen dauerhaften Platz in der Eingangshalle dieser Botschaft finden, könnten sich alle an ihm erfreuen.
Ich schlage vor, Sie notieren das als konstruktive Anregung.
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Und Christian: Wenn ich Sie das nächste Mal mit meiner Liebe zu Österreich behellige, dann wissen Sie, dass es von Herzen kommt.
Ich danke Ihnen.